Eine vernetzte Welt – und ihre ökonomischen Folgen
Shownotes
Wirtschaft wirkt oft undurchsichtig: Preise schwanken, Lieferketten reißen, Märkte reagieren scheinbar unvorhersehbar. Doch hinter diesen Dynamiken stehen Strukturen, die analysierbar sind. Im Gespräch geht Philipp Harms, Professor für International Economics an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, so wichtigen Fragen nach wie: Welche Folgen haben weltwirtschaftliche Veränderungen und geopolitische Verwerfungen für die Menschen im Alltag? Ist wirtschaftliche Unabhängigkeit für ein Land wie Deutschland machbar und sinnvoll? Und welche Rolle spielen politische Prozesse und Institutionen bei der Überwindung ökonomischer Krisen? Neben den Fragen zur internationalen Wirtschaft kommentiert Prof. Harms auch die Bedeutung der Rhein-Main-Region für seine Forschungs- und Lehrtätigkeit. Die institutionelle und geografische Nähe der Rhein-Main-Universitäten (RMU) sieht er als großen Glücksfall für seine Arbeit.
Moderator: Lawrence Meinig
Musik: • Clean Logo von Sugar Beats - PremiumBeat.com • Glide - Modern Electric Logo von MVM Productions - PremiumBeat.com • Kamakura Marimbas von Emmett Cooke - PremiumBeat.com
Mehr zum Thema unter folgenden Links: Forschungsprofil der Johannes Gutenberg-Universität Mainz Professor Philipp Harms Rhein-Main-Universitäten Graduate School of Economics, Finance, and Management
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00:00:06: Wirtschaft wirkt oft undurchsichtig:
00:00:09: Preise schwanken, Lieferketten reißen, Märkte reagieren scheinbar unvorhersehbar.
00:00:14: Doch hinter diesen Dynamiken stehen Strukturen, die analysierbar sind.
00:00:22: Minds of Mainz - Der Gutenberg Talk.
00:00:25: Ein Forschungspodcast der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
00:00:31: Herzlich willkommen zum Forschungspodcast der JGU.
00:00:34: Mein Name ist Lawrence Meinig und ich freue mich sehr, Sie durch das Format zu führen.
00:00:38: In dieser Podcastreihe öffne ich Ihnen das Tor zur Welt der Wissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
00:00:44: Ich nehme Sie mit auf eine Entdeckungsreise zu den unterschiedlichsten Disziplinen und deren wissenschaftlichen Themen und Fragestellungen.
00:00:51: Gemeinsam lernen wir die Forschenden der Universität kennen.
00:00:55: Wie arbeiten sie und welche Erkenntnisse gewinnen sie?
00:01:01: Unternehmen, vom kleinen Familienbetrieb bis zum globalen Konzern, sind Teil eines Systems, das lokale und internationale Wirtschaftsräume miteinander verbindet.
00:01:11: Konsumentinnen und Konsumenten haben durch den internationalen Handel Zugriff auf Waren und Dienstleistungen, die sonst unerreichbar wären.
00:01:20: Der internationale Kapitalmarkt erleichtert die Finanzierung von Investitionen und die Altersvorsorge, kann aber auch aus nationalen Problemen globale Krisen machen.
00:01:31: Die Makroökonomik fragt, welche Zusammenhänge sich dabei erkennen lassen und welche Schlussfolgerungen man daraus ziehen kann.
00:01:39: In dieser Folge geht es um ein Thema, das jede und jeden von uns täglich betrifft.
00:01:44: Entwicklungen auf der Ebene der Makroökonomik wirken sich, mehr oder weniger direkt, auf die Bevölkerung aus.
00:01:51: Und das auch, weil es hier nicht nur um Wirtschaft geht, sondern ebenso um Politik, um Kriege und vielleicht um Krisen, die sich an einem ganz anderen Ort auf der Welt abspielen.
00:02:02: Das und mehr bespreche ich heute mit Professor Philipp Harms.
00:02:05: Er ist Professor für International Economics an der JGU.
00:02:09: Seine Schwerpunkte liegen unter anderem in der internationalen Makroökonomik und der internationalen politischen Ökonomie.
00:02:18: Hallo Professor Harms, schön, dass Sie dabei sind.
00:02:20: Hallo, freue mich dabei sein zu können.
00:02:22: Sie haben ein Standardwerk für internationale Makroökonomik veröffentlicht.
00:02:28: Was kann ich mir als Normalo, sag ich jetzt mal, unter diesem Feld vorstellen?
00:02:34: Makroökonomie ist die Teildisziplin der Volkswirtschaftslehre, die sich mit der Volkswirtschaft als Ganzes beschäftigt.
00:02:42: Also Sie müssen sich vorstellen, es gibt verschiedene Märkte, die in Wechselbeziehungen stehen:
00:02:47: Gütermärkte, Arbeitsmärkte, Finanzmärkte. Und die Makroökonomik versucht, das alles gleichzeitig in den Blick zu nehmen.
00:02:54: Eine typische Fragestellung in der Makroökonomik ist, wie wirken sich zum Beispiel diese Investitionsprogramme aus, die die Bundesregierung auf den Weg gebracht hat.
00:03:03: Das ist einfach so, die Staatsausgaben beeinflussen die Nachfrage und damit die Auftragsbücher der Unternehmen.
00:03:09: Das wiederum wirkt sich auf den Arbeitsmarkt aus.
00:03:11: Wenn die Arbeitslosigkeit gering ist, dann können die Leute Kredite aufnehmen und zurückzahlen und dies hat Folgen für die Finanzmärkte und all das greift ineinander.
00:03:18: Und die Frage ist, jetzt in dem konkreten Zusammenhang, welcher Gesamteffekt kommt raus, wenn man all diese Wechselwirkungen berücksichtigt, also Gesamteffekt auch,
00:03:27: das Bruttoinhaltsprodukt, die Arbeitslosigkeit und so weiter.
00:03:30: Bei der internationalen Makroökonomik kommt einfach noch die außenwirtschaftliche Komponente hinzu, also der Handel mit Waren und Dienstleistungen und das Geschehen auf
00:03:38: Devisenmärkten, Finanzmärkten und so weiter.
00:03:41: Unheimlich breites Feld also.
00:03:42: Vielleicht hilft uns das, die Sache ein bisschen besser zu verstehen, wenn wir ein Beispiel dafür haben.
00:03:47: Können Sie uns ein Beispiel geben, was für Veränderungen es für uns als Deutsche in letzter Zeit gegeben hat?
00:03:55: Da ändert sich ja täglich irgendetwas und leider nicht immer zum Guten.
00:04:01: Vielleicht vorweg, völlig richtig, was Sie gesagt haben, ich sage immer, die Makroökonomik ist gewissermaßen innerhalb der Volkswirtschaftslehre der Zehnkampf.
00:04:08: Das sind einfach die verschiedensten Expertisen, die Sie da mitbringen müssen, weil Sie etwas untersuchen, was durch ganz verschiedene Kräfte geprägt ist.
00:04:18: Was ändert sich? Na ja, es ändert sich die Wirtschaftspolitik in den USA.
00:04:23: Denken Sie an die Zölle, denken Sie an die vielen anderen Dinge, die "Big Beautiful Bill".
00:04:28: Das hat alles massive Konsequenzen, nicht nur für die US-amerikanischen Bürger, sondern auch für Europa und Deutschland.
00:04:35: Der russische Überfall auf die Ukraine hat natürlich nicht nur ökonomische Konsequenzen, aber auch ökonomische Konsequenzen.
00:04:42: All diese Herausforderungen verlangen einfach eine neue Politik
00:04:45: und diese Politik muss gut durchdacht und begründet werden, und die Makroökonomik trägt dazu bei.
00:04:52: Würden Sie dann sagen, dass internationale Makroökonomik dann auch viel mit Wirtschaftspolitik zusammenhängt?
00:04:58: Sie berät die Wirtschaftspolitik.
00:05:00: Also, sie gibt einfach Antworten auf Fragen, manchmal nicht einfache Antworten.
00:05:05: Manchmal sind die Antworten auch, es kann sein das, es kann aber auch was anderes sein.
00:05:10: Meistens sind es Wahrscheinlichkeitseinschätzungen, dass man sagt, mit großer Wahrscheinlichkeit passiert dann dieses oder jenes.
00:05:16: Also, wenn jetzt der deutsche Staat mehr Schulden aufnimmt, was hat das für Konsequenzen für das Zinsniveau?
00:05:22: Was passiert an den Finanzmärkten?
00:05:23: Da kann man auch sehr auf der Grundlage der Forschung und auf der bisherigen Erkenntnisse noch sagen,
00:05:28: ja, das wird Konsequenzen haben, weil natürlich die Kreditaufnahme des Staates konkurriert mit anderen Kreditnehmern
00:05:34: und deshalb ist es sehr wahrscheinlich, dass die Zinsen steigen.
00:05:37: Solche Dinge.
00:05:37: Und dann kann die Wirtschaftspolitik sagen, ja, das wollen wir, aber das wollen wir eben nicht oder wir flankieren das durch andere Maßnahmen und so weiter.
00:05:46: Also im Prinzip ist die Makroökonomik gerade für die Fiskalpolitik, also das Staatsausgabeverhalten oder die Geldpolitik, also die Geldpolitik der Zentralbanken,
00:05:56: eine ganz zentrale Disziplin, auf die immer wieder zurückgegriffen wird, wenn nach Antworten gesucht wird auf konkrete Politikherausforderungen.
00:06:09: Zentralbanken sind staatlich beauftragte Institutionen, die für die Geldordnung und die Stabilität eines Währungsraums verantwortlich sind.
00:06:18: Beispiele sind die Europäische Zentralbank für den Euro-Raum oder die Bundesbank in Deutschland.
00:06:26: Ihre zentrale Aufgabe ist es, Preisstabilität zu sichern, also eine dauerhaft niedrige und stabile Inflation.
00:06:34: Dafür steuern Zentralbanken die Kreditbedingungen in einer Volkswirtschaft,
00:06:39: vor allem über die Festlegung von Leitzinsen und geldpolitische Instrumente wie den Ankauf von Wertpapieren.
00:06:48: Darüber hinaus sorgen Zentralbanken für die Stabilität des Finanzsystems.
00:06:53: Sie überwachen Banken, stellen im Krisenfall Liquidität bereit und fungieren als Bank der Banken.
00:07:01: Außerdem geben sie Bargeld aus,
00:07:03: verwalten Währungsreserven und unterstützen den reibungslosen Zahlungsverkehr.
00:07:09: Kurz gesagt, Zentralbanken schaffen Vertrauen in das Geldsystem und tragen dazu bei, wirtschaftliche Stabilität zu gewährleisten.
00:07:20: Sie haben sich in früheren Interviews auch dafür eingesetzt, dass deutsche Unternehmen weiterhin auf Handel und Tätigkeiten im Ausland setzen sollen, um sich breiter aufzustellen.
00:07:30: Nach meinem Wissen gab es ja gleichzeitig in den letzten Jahren häufiger Bewegungen, eben auch durch den russischen Überfall auf die Ukraine,
00:07:37: die sich für eine größere Unabhängigkeit der deutschen Wirtschaft vom internationalen Markt einsetzen.
00:07:42: Also, dass wir unsere Wirtschaft enger hier in Deutschland betreuen, wenn man das so sagen kann.
00:07:48: Und mir persönlich leuchten jetzt beide Argumentationen ein. Ist das paradox?
00:07:52: Nein, ist überhaupt nicht paradox.
00:07:54: Wir müssen uns da erst mal sortieren, gerade in Deutschland, die wir doch sehr … die deutschen Unternehmen sind sehr stark in die Weltwirtschaft eingebunden.
00:08:04: Auch als Konsumentinnen und Konsumenten sind wir sehr daran gewöhnt, einfach mit dem Rest der Welt zu interagieren und zu konsumieren und so weiter.
00:08:11: Und das muss jetzt alles neu sortiert werden, weil uns einfach die Welt, an die wir uns gewöhnt hatten, um die Ohren fliegt.
00:08:17: Das ist bedauerlich, aber das ist einfach so, aus den verschiedensten Gründen.
00:08:20: Die Frage ist jetzt, wie reagiert man?
00:08:22: Sie haben natürlich genau diese zwei polaren Möglichkeiten in den Raum gestellt.
00:08:27: Entweder man macht weiter wie bisher und ist globalisiert oder man reduziert den Outreach, also die Kontakte,
00:08:36: bis zu einem Grad, wo man quasi alles, was man konsumiert, in Deutschland produziert.
00:08:41: Das Letztere ist sicher kein erstrebenswerter Zustand. Die Wohlstandsverluste wären enorm.
00:08:46: Und um es ganz platt zu sagen, unser Leben wäre ärmer und langweiliger.
00:08:50: Wir würden quasi katapultiert zurück in die Mitte des letzten Jahrhunderts.
00:08:54: Das kann keiner wollen. Das ist auch nicht klug.
00:08:57: Auf der anderen Seite wissen wir natürlich auch aus der Erfahrung der letzten Monate und Jahre, wie verletzlich eine globalisierte Wirtschaft ist.
00:09:04: Es sind also sehr feingesponnene Netze von Lieferbeziehungen, Handelsbeziehungen und so weiter.
00:09:08: Und die werden jetzt in Frage gestellt.
00:09:11: Die Herausforderung für die Unternehmen, aber auch für die Politik, ist, dass man einfach Handelsbeziehungen knüpft,
00:09:16: die auch in Krisen robust und verlässlich sind.
00:09:20: Das heißt, man hat einfach nicht zu befürchten, dass plötzlich eine Regierung an die Macht kommt,
00:09:25: die sagt, sie will das jetzt alles nicht mehr unterstützen oder dass es zu richtigen handfesten politischen Konflikten kommt.
00:09:33: Was eben Robustheit, Verlässlichkeit … und für alle Fälle brauchen Unternehmen, braucht die Politik auch immer Plan B.
00:09:40: Das heißt, wir brauchen als Unternehmen immer alternative Lieferanten, alternative Absatzmärkte,
00:09:45: die einspringen können, wenn irgendwo was ausfällt.
00:09:48: Im Prinzip ist es ein Weiterverfolgen des Modells unter anderen Vorzeichen und eine stärkere Betonung der Robustheit relativ zur Effizienz.
00:09:58: Das geht natürlich einher mit höheren Kosten und geht auch einher mit, leider Gottes, Wohlfahrtseinbußen, aber das ist einfach die Welt, in der wir inzwischen leben.
00:10:08: Würden Sie auch sagen, dass dann die Position Deutschlands als Exportmacht,
00:10:13: Export ist ja groß geschrieben in Deutschland in den letzten Jahrzehnten vor allem gewesen, wird sich das verändern?
00:10:20: Handel ist nicht nur über Export, sondern es geht auch Importe.
00:10:23: Also wir profitieren vom internationalen Handel nicht nur dadurch, dass wir dem Rest der Welt die Sachen verkaufen,
00:10:30: die wir produziert haben, sondern wir profitieren auch enorm dadurch, dass wir Zugriff auf Dinge haben,
00:10:36: die früher unerschwinglich waren oder gar nicht erreichbar.
00:10:39: Also Export und Import sind im Prinzip beides gleichbedeutende Aspekte.
00:10:43: Wenn wir jetzt aber auf den Export schauen, dann ist es tatsächlich so,
00:10:46: wir hatten ein sehr erfolgreiches Modell, eine sehr erfolgreiche Produktpallette,
00:10:50: die funktioniert im Moment nicht mehr so, wie sie mal funktioniert hat, die Automobilindustrie ist das beste Beispiel.
00:10:56: Wir haben also sehr gute Autos hergestellt mit Verbrennungsmotoren und plötzlich kommen uns die Kunden abhanden.
00:11:03: Also insbesondere in China, wo einfach der Übergang zur Elektromobilität sehr viel schneller vonstatten geht.
00:11:10: Aber das ist erstmal eine große Herausforderung.
00:11:14: Aber ich bin eigentlich zuversichtlich, dass die deutsche Industrie in der Lage ist, relativ schnell zu reagieren.
00:11:21: Es ist ja nicht so, dass wir mit diesem Modell verheiratet sind, sondern wir können ja Produktionsprozesse, Produktpaletten neu gestalten.
00:11:29: Und die Corona-Pandemie hat ja gezeigt, wie schnell eine Marktwirtschaft reagieren kann auf neue Herausforderungen.
00:11:35: Und ich bin zuversichtlich letzten Endes, dass das auch wieder gelingen wird.
00:11:38: Wir sind jetzt in der Übergangsphase und Übergangsphasen sind immer mit viel Unsicherheit und auch Verunsicherung verbunden.
00:11:44: Aber solange die Entwicklung und die Planung der Unternehmen offen bleibt und reagieren kann,
00:11:51: solange wir einen funktionierenden politischen Prozess haben, der das Ganze flankiert,
00:11:56: mache ich mir eigentlich keine großen Sorgen, trotz der Anstrengungen, die es natürlich mit sich bringt.
00:12:02: Wichtige Punkte, die Sie da angesprochen haben.
00:12:04: Wenn wir jetzt den Blick etwas regionaler fokussieren, welche Position hat die Rhein-Main-Region im internationalen Handel, würden Sie sagen?
00:12:14: Sind wir da für etwas Besonderes bekannt?
00:12:17: Ja, wir haben das Glück, dass wir in einer Region leben, die, was die Branchenstruktur betrifft, sehr breit aufgestellt ist.
00:12:27: Wir hängen also nicht von einer Branche ab,
00:12:30: was weiß ich, Bergbau oder Automobil, sondern es gibt eine ganze Reihe von Branchen und das ist immer gut, weil es geht ja nicht alles schief.
00:12:36: Ich meine, wir reden viel über die Automobilindustrie, aber denken Sie an die Pharmaindustrie, denken Sie an die Biotechnologie,
00:12:42: all das sind Dinge, die ja im Moment gut funktionieren.
00:12:45: Denken Sie an IT, auch da ist Deutschland nicht so schlecht.
00:12:50: Diese Dinge kommen eigentlich in der Region zusammen.
00:12:53: Wir haben Finanzdienstleistungen, wir haben Chemie, wir haben Biotechnologie.
00:12:57: Wir haben eine gute Anknüpfung an andere Teile Deutschlands und natürlich über den Flughafen Frankfurt auch eine gute Anbindung an andere Länder.
00:13:05: Und wir haben last but not least eine sehr internationale und diverse Bevölkerungsstruktur.
00:13:09: Und auch das ist gut, weil es zum einen produktiv ist und zum anderen
00:13:14: auch Leute anlockt, die wir hier haben wollen und die hier produktiv beitragen zum Funktionieren von Gesellschaft und Wirtschaft.
00:13:22: Im internationalen Handel treffen ja auch immer verschiedene Kulturen aufeinander, wie Sie es gerade eben schon gesagt haben,
00:13:28: mit verschiedenen Ländern, mit denen dann zusammengearbeitet wird.
00:13:32: Wie relevant ist es denn in Ihrer Arbeit, wenn Deutsche in der Wirtschaft etwa mit Menschen aus anderen Kontinenten aus Südamerika, aus Asien verhandeln müssen?
00:13:42: Wird Kommunikation im Vorfeld da eingeschätzt, wie die ablaufen kann?
00:13:46: Oder gibt es Fortbildungen dafür?
00:13:48: Ich weiß nicht, ob das vielleicht eine etwas blauäugige Frage ist, aber das habe ich mir gleich gedacht, als es um dieses Thema ging.
00:13:54: Ja, die Unternehmen sind gut beraten, das ernst zu nehmen.
00:13:57: Weil tatsächlich, gerade wenn persönliche Interaktion ins Spiel kommt, dann spielen kulturelle Unterschiede eine Rolle.
00:14:04: Und da meine ich nicht, wenn ich von Kultur spreche, Kunst oder Musik, ich spreche von der Gesamtheit von Prioritäten, Normen, auch Tabus, die Gesellschaften prägen.
00:14:13: Und wenn Sie da Fehler machen in der Kommunikation, dann können eigentlich sinnvolle Transaktionen scheitern
00:14:20: daran, dass Sie einfach mit dem Geschäftspartner, der Geschäftspartnerin sich nicht verstehen.
00:14:24: Also dann wird die Kommunikation schwieriger, das Vertrauen, das für viele Geschäftsbeziehungen essentiell ist, kann schwinden.
00:14:31: Und insofern kann es durchaus sein, dass bei manchen wirtschaftlichen Transaktionen diese,
00:14:36: wir nennen das "Culture Distance", also die kulturelle Distanzen, Sand im Getriebe sein kann.
00:14:40: Und das können Sie natürlich reduzieren, wenn Sie sich vorher darauf einstellen.
00:14:44: Also wir haben in einem Forschungsprojekt, wo wir genau dem auf den Grund gehen,
00:14:49: und sagen, welche Rolle spielt denn das, insbesondere für den internationalen Handel mit Dienstleistungen.
00:14:53: Und wir zeigen, dass das tatsächlich ein Hemmschuh sein kann für den Handel zwischen Ländern,
00:14:58: gerade bei Dienstleistungen, weil ja da die persönliche Interaktion oft sehr wichtig ist.
00:15:02: Gleichzeitig finden wir aber auch in den empirischen Studien, die wir machen, dass manchmal kulturelle Distanz auch den Handel befördert.
00:15:12: Und das macht ja Sinn, wenn man mal drüber nachdenkt, wenn man sagt, man handelt ja mit Ländern nicht,
00:15:17: weil sie gleich sind, sondern oft, weil sie anders sind.
00:15:20: Wir haben also diese Zweideutigkeit und die leuchten wir gerade mit einem größeren Paper aus,
00:15:26: wo wir schauen, in welchen Fällen ist kulturelle Distanz handelsbefördernd und wo ist es der Sand im Getriebe, der den Handel eher schwächt.
00:15:34: Können Sie uns dafür vielleicht ein Beispiel geben?
00:15:37: Wir haben also in diesem Projekt, haben wir schon vor einiger Zeit veröffentlicht,
00:15:41: auf der Seite der abhängigen Variablen haben wir einfach Handel mit verschiedenen Arten von Dienstleistungen.
00:15:45: Und es nicht erstaunlich, dass gerade zum Beispiel in der Baubranche kulturelle Unterschiede keine große Rolle spielen.
00:15:52: Das ist einfach eine Branche, wo relativ klar ist, wie Sachen gemacht werden müssen.
00:15:57: Aber es gibt andere Dienstleistungen, die international gehandelt werden, die nennen wir "Other Business Services".
00:16:02: Denken Sie zum Beispiel an das Beratungsunternehmen.
00:16:05: Denken Sie an das Architekturbüro.
00:16:08: Dann stellen Sie sich vor, Sie kommen in so ein Architekturbüro und wollen,
00:16:12: es geht um ein großes Projekt, und Sie wollen gerne klären, wie das Bauwerk, das gebaut werden soll, aussehen soll,
00:16:19: wie die Timeline ist und so weiter.
00:16:20: Und Sie merken, Sie kommen mit den Leuten nicht zurecht.
00:16:23: Dann kann das scheitern und das finden wir auch.
00:16:26: Wir finden, dass also bestimmte Dimensionen, die die Länder charakterisieren.
00:16:30: Da greifen wir auf Daten zurück, die erhoben wurden.
00:16:33: Da gibt es zum Beispiel die Frage, wird Individualismus groß geschrieben
00:16:37: oder werden die Leute so erzogen, dass sie eher ihr Dasein in den Dienst der Gesellschaft stellen?
00:16:42: Solche Unterschiede können dann zum Tragen kommen, wenn man zum Beispiel erwartet, dass das Gegenüber Initiative entfaltet,
00:16:49: zu der die Person gar nicht erzogen ist aufgrund ihrer kulturellen Herkunft.
00:16:52: Wir finden das in den Daten und das, was wir finden, eigentlich auch sehr plausibel.
00:16:57: Auf der anderen Seite finden wir auch, dass zum Beispiel gerade der Respekt gegenüber Hierarchien,
00:17:03: das ist eine andere Dimension, die wir ausleuchten können,
00:17:06: wenn da Länder unterschiedlich sind, dass das bei manchen Dienstleistungen, gerade IT, gar nicht so schlecht ist für den Handel,
00:17:12: weil die Länder, in denen sehr starre Hierarchien vielleicht den technischen Fortschritt aufhalten,
00:17:17: IT-Dienstleistungen bei anderen Ländern einkaufen, in denen Leute einfach mal machen und sich nicht groß um Hierarchien kümmern.
00:17:25: Da sind wir am Anfang, das besser zu verstehen, und das spielt eine große Rolle gerade für den Handel mit Dienstleistungen,
00:17:30: wo persönliche Interaktion wichtiger ist als beim Handel mit Rohstoffen zum Beispiel.
00:17:35: Da spielt die persönliche Interaktion eine weniger wichtige Rolle.
00:17:40: Ganz spannender Aspekt finde ich, finde ich total interessant.
00:17:44: Wir haben jetzt gerade schon die Rhein-Main-Region erwähnt und ich interessiere mich, welche Rolle das Umfeld hier für Sie spielt -
00:17:51: unsere Partneruniversitäten der JGU in Darmstadt und Frankfurt.
00:17:59: Die Goethe-Universität Frankfurt am Main, die Johannes Gutenberg-Universität Mainz und die Technische Universität Darmstadt -
00:18:07: sie bilden seit 2015 die strategische Allianz der Rhein-Main-Universitäten (RMU).
00:18:15: Mit über 90.000 Studierenden und 1.500 Professuren kooperieren sie eng in Forschung, Studium und Lehre.
00:18:24: Als renommierte Forschungsuniversitäten gestalten sie Frankfurt-Rhein-Main
00:18:28: als integrierte und global sichtbare Wissenschaftsregion.
00:18:33: Ja, das ist ein absoluter Glücksfall.
00:18:35: Also, dass die JGU mit der Goethe-Uni in Frankfurt und der TU in Darmstadt zwei große Universitäten in unmittelbarer Nachbarschaft hat, ist einfach famos.
00:18:44: Also, das war auch einer der Gründe, warum ich an die JGU gekommen bin seinerzeit.
00:18:49: Sie haben es erwähnt, wir haben mit beiden Unis ein international sichtbares Doktorandenprogramm.
00:18:53: Das könnten wir als JGU allein überhaupt nicht stemmen.
00:18:56: Und das ist für die Qualifikation der Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler Gold wert.
00:19:03: Also, wir können so ein angloamerikanisches "Graduate Program" auf die Beine stellen.
00:19:07: Das ist auch super spannend, da Teil der "Faculty" zu sein.
00:19:12: Ganz abgesehen davon, dass es immer wieder spannend ist, mit den Kolleginnen und Kollegen in Frankfurt in Kontakt zu kommen.
00:19:17: Ich habe in der Vergangenheit auch immer wieder mit Kollegen an der anderen RMU-Universität zusammengearbeitet.
00:19:23: Ausgangspunkt ist dabei immer, dass man Interessen teilt, dass man eine Idee hat und dass man auch
00:19:29: irgendwie sich gut leiden kann, also gegenseitiges Sympathie und auch Vertrauen.
00:19:33: Aber die institutionelle Nähe, ganz abgesehen von der geografischen, hat die Umsetzung unserer Projekte natürlich wirklich einfacher gemacht.
00:19:41: Das wäre sicher schwieriger gewesen, wenn ich mit jemandem weiter weg gearbeitet hätte.
00:19:46: Und deshalb finde ich dieses ganze RMU-Konstrukt extrem segensreich, muss ich sagen.
00:19:51: Sie haben ja nicht nur Kooperation mit anderen Unis, sondern auch innerhalb der JGU kooperieren Sie mit verschiedenen unserer Instituten.
00:19:59: Und was ich jetzt ganz spannend fand, Sie haben in letzter Zeit auch mit dem Politikwissenschaftsinstitut zusammengearbeitet, mit der Professor Landwehr.
00:20:08: Sie haben zusammen Artikel geschrieben zu "False Consensus and Populist Attitudes".
00:20:13: Professorin Landwehr war schon bei mir zu Gast und wir haben dieses Thema aus ihrer politikwissenschaftlichen Sicht schon betrachtet.
00:20:19: Und jetzt finde ich es natürlich total spannend zu hören, was bedeutet das für Sie in Ihrer Arbeit, dieser Begriff falscher Konsens.
00:20:26: Im Prinzip ist das auch eine sehr erfreuliche Zusammenarbeit.
00:20:29: Und das ist so, dass oft Ideen sich aus anderen Projekten ergeben.
00:20:34: Und wir hatten ein Projekt, Claudia Landwehr und ich, wo wir versucht haben zu erklären,
00:20:40: was sozusagen die Präferenz von Individuen für bestimmte politische Entscheidungsverfahren bestimmt.
00:20:48: Also, bin ich großer Fan von direkter Demokratie oder bin ich eher Fan von repräsentativen Verfahren.
00:20:55: Und wir hatten da eine große Umfrage-Studie und da war es wirklich eine politikwissenschaftliche gegen eine ökonomische Erklärung.
00:21:01: Also ich als Ökonom habe gesagt, die Leute wählen die Verfahren, die ihnen nützen.
00:21:06: Und wenn ich jetzt reich bin, steinreich, und jemand sagt, und ich weiß, dass die Mehrheit der Bevölkerung eben nicht so reich ist, und jemand schlägt mir vor,
00:21:14: dass über eine Abstimmung entschieden wird über den Steuersatz, dann werde ich viele Gründe finden, warum das keine gute Idee ist.
00:21:21: Claudia Landwehr hat gesagt, na ja, es gibt aber vielleicht auch Leute,
00:21:24: die wirklich direktdemokratischen Verfahren einen eigenen Wert beimessen, was ich auch anerkenne.
00:21:30: aber, wie gesagt, die ökonomische Perspektive ist eine andere.
00:21:32: Wir haben diese Studie durchgeführt und auch veröffentlicht, und wir sind bei der Gelegenheit darauf gestoßen,
00:21:38: dass ein Teil unserer Umfrage-Teilnehmer, das alles basiert auf großen Umfragen,
00:21:44: dass die systematisch daneben liegen, wenn es darum geht, was die anderen Leute für Positionen haben.
00:21:51: Und das ist diese "False Consensus Bias", dass man die Neigung,
00:21:55: dass man überschätzt, wie viele Menschen in der Bevölkerung die eigene Position teilen.
00:22:01: Das ist deshalb hochrelevant, weil natürlich, wenn ich der Meinung bin, dass ich selbst bin für einen restriktiven Kurs in der Asylpolitik und die große Mehrheit der Bevölkerung
00:22:14: nach meiner eigenen Erschätzung teilt diese Meinung, aber es kommt nur nicht zum Tragen,
00:22:18: dann bin ich geneigt, den ganzen politischen Prozess infrage zu stellen, weil ich das Gefühl habe,
00:22:23: die Politiker und Politikerinnen machen irgendwas, was eigentlich der Großteil der Bevölkerung gar nicht will.
00:22:28: Und das ist ja Teil des populistischen Narrativs.
00:22:30: Zu sagen, ja, da sitzt irgendwie eine Elite, die macht Dinge, die eigentlich gar nicht im Sinne der Bevölkerung ist.
00:22:35: Die Bevölkerung will ganz was anderes.
00:22:37: Und was wir gemacht haben in unserer Umfrage-Studie, wir haben erstmal den "False Consensus Bias",
00:22:43: also diese Neigung, die eigene Position für sehr verbreitet zu halten, den haben wir identifiziert auf individueller Ebene.
00:22:50: Und dann haben wir geschaut, ob diese Leute auch populistische Einstellungen haben,
00:22:54: in dem Sinne, dass sie äußern, dass sie der Meinung sind, dass Politikerinnen und Politiker eh nie das machen, was sie eigentlich tun sollten
00:23:03: und finden einen starken Zusammenhang.
00:23:05: Also diese Fehlwahrnehmung, die ist Teil dieser populistischen Suppe, die brodelt und die ist brandgefährlich, weil natürlich, ich wiederhole mich,
00:23:14: auf der Grundlage immer wieder gesagt wird, ja der politische Prozess funktioniert nicht, weil eigentlich Dinge getan werden, die nicht getan werden sollten und die dem Willen der Mehrheit widerspricht.
00:23:22: Was natürlich in vielen Fällen falsch ist, aber die Leute sind schwer davon abzubringen und ziehen dann ihre Schlüsse daraus.
00:23:29: Wir kommen zu den letzten Fragen von unserem Gespräch.
00:23:33: Ich versuche, da ja immer so bisschen besser zu verstehen, was Sie antreibt in Ihrer Arbeit und wie Sie sich selber in Ihrer Position als Professor sehen.
00:23:42: Wie würden Sie denn sagen, können Sie mit Ihrer Arbeit dazu beitragen, dass die Bevölkerung sich besser mit Themen wie eben International Economics auskennt?
00:23:52: In dem ich solche Interviews gebe - zum Beispiel.
00:23:56: Aber Scherz beiseite, ich glaube, dass Sie zunächst mal an der Uni ansetzen müssen.
00:24:00: Ich unterrichte hier die Einführung in die VWL, das ist eine riesige Veranstaltung.
00:24:05: Wenn ich da glaubwürdig rüberkomme und einen gewissen Standard verankere, dann hat das, glaube ich, schon eine Auswirkung.
00:24:11: Hoffe ich zumindest.
00:24:13: Weil die Leute gehen ja dann nachher, die bleiben ja nicht an der Uni größtenteils, sondern die gehen, das ist auch völlig richtig,
00:24:18: gehen in die Privatwirtschaft, gehen in die Verwaltung und setzen da Dinge um.
00:24:21: Und wenn die gut vorbereitet sind, dann machen sie das gut - im Sinne von uns allen.
00:24:25: Zweitens, aber eben jetzt zurückkehrend, ich bin sehr gerne bereit, mich in der Öffentlichkeit zu äußern.
00:24:32: Das ist nicht nur meine Eitelkeit geschuldet, sondern auch der Tatsache, dass wir immer wieder Dinge erklären können müssen.
00:24:39: Das ist nicht an allen Disziplinen so.
00:24:41: Sicher gibt es Bereiche in den Naturwissenschaften, die können Sie nicht intuitiv plausibel machen.
00:24:46: aber in der Volkswirtschaftslehre, also in der Ökonomik, können Sie viele Dinge,
00:24:52: auch wenn komplizierte Methoden dahinterstehen, hinter den entsprechenden Einsichten, können Sie gut erklären.
00:24:58: Sie können sagen, schau, das ist der Trade-off, das ist der Konflikt, das sind die Dinge, die man aufgeben muss, wenn man das andere will.
00:25:05: Und das können wir erklären, das müssen wir auch immer wieder erklären.
00:25:08: Das mache ich auch gerne.
00:25:10: Dadurch können wir dazu beitragen, dass die öffentliche Diskussion einfach etwas informierter ist und dass der Standard nicht komplett sinkt,
00:25:17: weil dann überlassen wir das Feld denen, die viel zu einfache Antworten haben auf alle möglichen Dinge.
00:25:24: Genau die richtige Ausdrucksweise mit den viel zu einfachen Antworten.
00:25:28: Sehen Sie sich auch vielleicht zu einem gewissen Grad in der Verantwortung, Ihr Wissen, Ihre Erkenntnisse weiterzugeben an die Bevölkerung?
00:25:37: Ja, also ich meine, der einzige Grund, warum ich, wenn mich jemand anspricht, nein sage, darüber kann ich nichts sagen, ist, wenn ich das Gefühl habe, ich bin nicht kompetent.
00:25:47: Also es kommt ab und zu mal vor, und dann gibt es Themen, wo ich denke, da kann ich nicht glaubwürdig irgendwas Sinnvolles sagen.
00:25:54: Aber, wenn jemand mich anspricht auf etwas, das haben Sie ja gesehen, ein relativ breites Spektrum an Fragen, die mich interessieren,
00:26:01: und wo ich mich auch schon einigermaßen tief eingearbeitet habe, wenn jemand dazu was fragt, dann äußere ich mich gerne dazu.
00:26:09: Weil ich uns Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verpflichtet sehe, diesen Kontakt zu suchen und zu pflegen.
00:26:17: Ich würde mir ehrlich gesagt wünschen, dass das noch mehr genutzt wird von den Institutionen.
00:26:25: Die Türen hier in Uni sind offen meines Wissens.
00:26:28: Ich sehe das sehr positiv und ich sehe da auch wirklich eine Verpflichtung,
00:26:31: gerade in den Sozialwissenschaften, zu der ich die Ökonomik zähle.
00:26:36: Wir haben diesen speziellen Aspekt, dass es um wirtschaftliche Zusammenhänge geht.
00:26:40: Wir müssen immer wieder den Leuten erklären, was wir machen.
00:26:44: Wir müssen den Leuten erklären, was bestimmte Phänomene bedeuten.
00:26:47: Wir müssen erklären, welche Lösungen zur Verfügung stehen, und auch möglicherweise uns für bestimmte Lösungen aussprechen und andere in Frage stellen.
00:26:55: Ich glaube, ein Aspekt, den Sie gerade so im Vorbeigehen erwähnt haben, der spielt aber eigentlich eine sehr große Rolle, den ich der Wissenschaft auch allgemein zuschreibe.
00:27:04: Sie haben erwähnt jetzt ganz am Anfang, wenn Sie sich für eine Sache nicht kompetent sehen,
00:27:09: dass Sie das dann auch sagen, dass das nicht Ihr Feld ist und dass Sie da keine verlässliche Aussage zu treffen können.
00:27:14: Und ich finde, solche Antworten, solche Ehrlichkeit kann man in vielen anderen Branchen oft vermissen.
00:27:21: Und ich persönlich schätze Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehr, dass dann einfach ganz klar gesagt wird: "Nein."
00:27:26: Auch manchmal, wenn ich dann Anfragen stelle, kommt das dann auch direkt so zurück.
00:27:30: Das ist nicht mein Kompetenzbereich, da müssen Sie jemand anderen fragen. Das finde ich toll.
00:27:34: Und wenn wir jetzt dann von der normalen Bevölkerung, sage ich jetzt mal, weggehen und eher in die Wirtschaft und in die Politik gehen,
00:27:41: womit Sie sich jetzt vor allem beschäftigen, haben Sie da tatsächlich Kontakte, wo man Sie dann anschreibt und dann spezielle Fragen stellt, direkt in die Branche?
00:27:50: Ja, zunächst mal Mainz bietet eigentlich ein optimales Umfeld,
00:27:55: um im Fach Volkswirtschaftslehre zu forschen und zu lehren, aber auch mit Leuten ins Gespräch zukommen.
00:28:00: Also, wir haben hier in nächster Nähe zwei Landesregierungen, also die rheinland-pfälzische und die hessische mit Wirtschafts- und Finanzministerien.
00:28:09: Wir haben zwei Zentralbanken, die Bundesbank und die EZB.
00:28:12: Wir haben die Hauptverwaltung Rheinland-Pfalz und Saarland der Bundesbank direkt vor der Tür.
00:28:16: Gerade zur Bundesbank zum Beispiel haben wir sehr gute Kontakte und tauschen uns immer wieder aus.
00:28:21: Das sind dann teilweise institutionalisierte Kontakte, aber es sind auch einfach Bekanntschaften, wo man dann einfach ins Gespräch kommt.
00:28:28: Auch mit den Ministerien stehen wir in Verbindung.
00:28:30: Im Oktober letzten Jahres wurde ich eingeladen zu einer Sitzung des sogenannten Transformationsrats.
00:28:35: Das ist ein Gremium der Landesregierung, in der sich die Regierung trifft,
00:28:40: also verschiedene Fachministerien mit Vertreterinnen und Vertretern von Unternehmen, aber auch Gewerkschaften.
00:28:46: Und da versucht man einfach, erstmal gleichberechtigt Dinge anzusprechen und zu diskutieren.
00:28:53: Und man hat mich hinzu gerufen, um zu sagen, ja, was bedeutet denn die Handelspolitik der Vereinigten Staaten für Rheinland-Pfalz?
00:29:00: Und ich fand das eine superspannende Frage, das ist ja sozusagen mein "home turf", mein eigenes Gebiet.
00:29:06: Und ich bin da sehr gern hingegangen, und habe darüber geredet und habe gesagt, so und so sehe ich die Situation und die Herausforderungen, auch die möglichen weiteren Entwicklungen.
00:29:15: Das war ein Impulsvortrag, nachher war das eine angeregte Diskussion, auch kritisch,
00:29:21: aber ich fand, das war eine hohe Ehre da hinzugerufen zu werden,
00:29:25: und ich habe es auch gern gemacht, auch wenn es natürlich gut vorbereitet sein musste.
00:29:30: Mich interessiert jetzt zuletzt noch,
00:29:32: weil Sie haben vorhin, als Sie die deutsche Wirtschaft mit Import und Export beschrieben haben, und gerade auch jetzt die aktuelle Situation,
00:29:40: inwieweit die sich verändert, haben Sie ja beschrieben, dass wir das hinbekommen
00:29:44: und dass das in bessere Bahnen lenken wird, auch wenn das gerade noch einbisschen unsicher ist.
00:29:49: Also das war ein eher positiver Eindruck, den ich dann davon hatte, von dem, wie Sie es beschrieben haben.
00:29:54: Ganz im Gegenteil zu dem, wie man sonst aktuell, habe ich den Eindruck, über die deutsche Wirtschaft diskutiert.
00:29:59: Da ist eigentlich eher eine relativ negative Stimmung, auch von den Nachrichten, die ich so persönlich höre.
00:30:04: Das ist jetzt eine sehr subjektive Wahrnehmung natürlich.
00:30:08: Aber wenn Sie dann, vielleicht privat, vielleicht aber auch in Ihrem Feld, dann mit anderen diskutieren, haben Sie dann das Gefühl,
00:30:14: dass Sie da eher beschwichtigen und sagen, das wird schon funktionieren, oder versuchen Sie da, die Karten auf den Tisch zu legen.
00:30:20: Wir dürfen uns nichts vormachen, ich meine die Bedrohungen und Herausforderungen, die sind enorm.
00:30:25: Also, das sehe ich schon und das macht mir auch große Sorge.
00:30:28: Ich nehme nur immer wieder die seriösen Parteien in Schutz,
00:30:34: weil ich sowohl die, die im Moment im Amt sind, als auch die, die in Opposition sind und im Amt waren,
00:30:40: weil ich darauf hinweise, dass Demokratie ein schwieriges Geschäft ist.
00:30:45: Weil es ist der Ausgleich von oft widerstreitenden Interessen.
00:30:49: Wir sind wieder bei den einfachen Antworten, die gibt es einfach nicht.
00:30:53: Ich karriere es mal: Vielleicht eine Sache gibt es,
00:30:56: wo wir uns alle einig sind, wir wollen alle, dass Deutschland Fußballweltmeister wird.
00:31:01: Aber wenn wir davon weggehen, dann gibt es schon so viele Dinge, wo wir sehr unterschiedliche Ansichten haben, auch Interessen.
00:31:08: Und das muss in einer Demokratie zum Ausgleich gebracht werden.
00:31:11: Wogegen ich wirklich vehement eintrete, ist die Interpretation,
00:31:17: dass dieses Hin und Her, das Suchen nach dem Ausgleich, ein Zeichen dafür ist, dass Demokratie nicht funktioniert.
00:31:23: Eine Demokratie lebt davon, dass Kompromisse gefunden werden.
00:31:27: Es lebt auch davon, dass Kompromisse in Frage gestellt werden.
00:31:30: Sie werden schon manchmal mich hören, wo ich sage, das ist grundfalsch und das völliger Unsinn.
00:31:35: Ich habe es vorhin schon angedeutet, was in den USA im Moment an Wirtschaftspolitik praktiziert wird, halte ich für katastrophal - ohne wenn und aber.
00:31:43: Aber diese Suche nach Kompromissen in der deutschen Politik halte ich für ein Kernelement von Demokratie
00:31:51: und das zu diskreditieren und zu sagen, ja, die kriegen nichts hin und das zeigt, dass der ganze Prozess nicht funktioniert,
00:31:57: das ist brandgefährlich und dagegen setze ich mich ein.
00:32:00: Und das ist die politische Komponente.
00:32:02: Bei den Unternehmen sehe ich einfach sehr viel Dynamik.
00:32:08: Und das ist einfach der Vorteil einer Marktwirtschaft, wo Unternehmen selbst nach Lösungen suchen und die dann auch irgendwann finden.
00:32:16: Es gibt immer wieder historische Beispiele, wo es so aussah,
00:32:20: als ob nationale Volkswirtschaften vor dem Nichts standen und sich dann doch irgendwie berappelt haben.
00:32:28: Also, möchte ich jetzt nicht so viele Beispiele nennen, aber Finnland Anfang der 90er Jahre,
00:32:32: da gingen die Lichter aus, weil Finnland einfach völlig auf den Handel mit der Sowjetunion eingestellt war.
00:32:36: Die Sowjetunion ist plötzlich zerbröselt und die finnische Volkswirtschaft hat überhaupt nicht gewusst, wie sie damit umgehen soll.
00:32:47: Während des Zerfalls der Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre sanken die Exporter aus Finnland in die UDSSR um 65 Prozent.
00:32:58: Dieser massive Einbruch führte zu steigender Arbeitslosigkeit und einer Bankenkrise.
00:33:05: Die spätere Stabilisierung der finnischen Wirtschaft gelang vor allem durch eine schnelle und konsequente Neuorientierung nach Westen.
00:33:14: Mit dem EU-Beitritt 1995 und der Öffnung der Märkte integrierte sich Finnland vollständig in den europäischen und globalen Wettbewerb,
00:33:25: das zwang Unternehmen, effizienter, innovativer und international konkurrenzfähig zu werden.
00:33:33: Gleichzeitig nutzte Finnland die Krise für einen tiefgreifenden Strukturwandel.
00:33:38: Statt auf traditionelle Industrien zu setzen,
00:33:42: investierte der Staat gezielt in Forschung und technologische Entwicklung.
00:33:47: Besonders der Aufstieg der Telekommunikations- und Hightech-Branche, symbolisiert durch Nokia, wurde zu einem wichtigen Wachstumsmotor.
00:33:56: Hinzu kam eine aktive Rolle des Staates bei der Stabilisierung des Finanzsystems
00:34:02: sowie eine politische Kultur, die schmerzhafte Reformen mittrug.
00:34:08: Zusammen genommen halfen diese Faktoren Finnland,
00:34:11: seine Wirtschaft nicht nur zu stabilisieren, sondern langfristig widerstandsfähiger und zukunftsorientierter aufzustellen.
00:34:20: Heute verfügt Finnland über eine stabile und innovationsoffene Wirtschaft, die weiterhin auf Digitalisierung, IT-Expertise und Nachhaltigkeit setzt.
00:34:32: Innerhalb von zehn Jahren ist dieses Land wie Phoenix aus der Asche gestiegen und hat sich völlig neu orientiert.
00:34:39: Und ich sehe diese Möglichkeit auch in Deutschland, solange der politische Prozess intakt bleibt und die Rahmenbedingungen nicht schlecht werden.
00:34:48: Das war ein schönes Schlusswort. Vielen Dank, Professor Harms, für Ihre Zeit und Ihre wertvollen Antworten.
00:34:54: Hat mir viel Spaß gemacht. Vielen Dank.
00:34:58: Das war mein Gespräch mit Professor Philipp Harms.
00:35:01: Für mich ist besonders deutlich geworden, wie eng verflochten die internationale Wirtschaft tatsächlich ist.
00:35:07: In der Theorie spricht man schnell von "globalen Märkten" oder "internationalen Wertschöpfungsketten".
00:35:13: Aber im Gespräch ist greifbar geworden, was das konkret bedeutet.
00:35:17: Entwicklungen, die auf den ersten Blick regional begrenzt wirken,
00:35:21: politische Entscheidungen, Handelskonflikte, Finanzmarktbewegungen oder auch klimatische Ereignisse entfalten oft sehr schnell globale Effekte.
00:35:30: Lieferketten, Kapitalströme und Produktionsnetzwerke sind so eng miteinander verzahnt, dass Schocks selten lokal bleiben.
00:35:38: Die internationale Ökonomie reagiert sensibel, teilweise fast fragil, auf Veränderungen.
00:35:44: Ein zweiter Punkt, der bei mir nachhallt, ist die Frage nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit.
00:35:50: Im Gespräch wurde sehr klar,
00:35:51: für ein Land wie Deutschland, das stark exportorientiert ist und tief in globale Produktions- und Handelsstrukturen eingebunden ist,
00:35:59: ist eine vollständige Entkopplung von der Weltwirtschaft kaum realistisch.
00:36:03: Autarkie klingt politisch mitunter attraktiv, ist ökonomisch jedoch mit erheblichen Kosten, Effizienzverlusten und Wohlstandseinbußen verbunden.
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